Stadt Nürnberg nach wie vor gegen „betreute Taubenschläge!“

file 1328560172 7e188bd114b718ec71f7Stadttauben in Nürnberg – keine Hilfe in Sicht!

 

Bericht von Zuhörerin Cornelia Schamicke über die Sitzung des Umweltausschusses der Stadt Nürnberg am 11.12.2013.

 

Am 18.07. hatte ÖDP-Stadtrat Thomas Schrollinger den Antrag „Bestandsregulierung der Stadttaubenpopulation“ eingereicht, über den am 11.12. im Umweltausschuss diskutiert und abgestimmt wurde. Im Antrag wurde die Verwaltung aufgefordert, ein Konzept für die Einrichtung von begehbaren Taubenschlägen und kontrollierten Futterplätzen sowie eine Bürgerberatung bei Problemen mit Tauben zu erarbeiten und lokale Tierschutzverbände einzubeziehen. Der Antrag orientierte sich am Konzept der Bundesarbeitsgruppe (BAG) Stadttauben unseres Bundesverbandes Menschen für Tierrechte. Die Verwaltung hatte in ihrer Vorlage zur Sitzung dem bereits eine Absage erteilt, die darin vorgebrachten Argumente bestimmten auch die Diskussion im Ausschuss.

 

 

Argument: Festhalten am Fütterungsverbot

 

Verwaltung, Umweltreferent und mehrere Stadträte beriefen sich auf Gespräche mit Fachleuten und „gesicherte wissenschaftliche Erkenntnisse“, die allerdings nicht dargestellt wurden. Im Wesentlichen bezog man sich auf Daniel Haag-Wackernagel, der das Konzept der BAG – artgerechte Körnerfütterung in betreuten Taubenschlägen und Eieraustausch durch Gipseier – ablehnt und eine drastische Verringerung des Nahrungsangebotes für die einzig erfolgreiche Methode zur Senkung des Tierbestandes hält. Ein Überangebot an Nahrung, so Haag-Wackernagel, führe zu verstärktem Brutverhalten und könne die Gesundheit der Tiere schädigen.

Schuld an dieser Situation, so ein Stadtrat, seien nicht die Tauben, sondern die Menschen, die den Vögeln zu viel Nahrung bereitstellen. Beispielhaft nannte er den Christkindlesmarkt und die vielen herabfallenden Essensreste (Bratwurststückchen, Brötchenkrümel u.a. ). Deshalb, so wurde immer wieder betont, will die Stadt am Fütterungsverbot festhalten.

 

Anmerkung: Stadttauben sind keine Wildtiere, sondern verwilderte Haustiere/Nutztiere, denen eine hohe Fruchtbarkeit und häufiges Brüten angezüchtet wurde. Dieses Brutverhalten zeigen die Tiere unabhängig vom Nahrungsangebot. Ein Fütterungsverbot, wie auch von Haag-Wackernagel propagiert, zielt auf ein Aushungern der Tiere ab und kann nicht als tierschutzgerecht angesehen werden. Das angeblich so reichhaltige Nahrungsangebot in den Fußgängerzonen besteht aus Lebensmittelresten, die keine gesunde Nahrung für die Körnerfresser darstellen. Eine adäquate Ernährung ist jedoch für die Gesunderhaltung aller Lebewesen unabdingbar. Auf diesen wichtigen Aspekt wies auch Herr Schrollinger hin, was von einigen KollegenInnen belächelt wurde.

 

 

Argument: Betreute Taubenschläge führen nicht zur Reduzierung des Bestandes

 

Auch bei diesem Argument wurde vorrangig auf Haag-Wackernagel Bezug genommen, der den Gelegeaustausch für keine erfolgreiche Methode zur Reduzierung des Taubenbestandes hält.

Taubenschläge stellen nach Meinung einiger Stadträte vielmehr ein weiteres Angebot an Nist- und Brutplätzen dar und tragen eher zur Erhöhung der Population bei.

Mehrere Gesprächsteilnehmer vertraten die Meinung, dass es keine nachweisbaren Erfolge des Konzeptes gebe. Mit teils leicht spöttischem Unterton wurde das „Augsburger Modell“ angesprochen und kritisiert, dass nur vor Beginn des Projektes eine Bestandsermittlung, danach aber keine Zählung mehr stattgefunden habe.

 

Herr Schrollinger kritisierte zu Recht, dass die Verwaltung keine aktuelle Recherche bei Kommunen betrieben habe, die das Konzept bereits seit vielen Jahren umsetzen.  Auch gebe es keinen stichhaltigen Beweis für den Nichterfolg. Er wies darauf hin, dass das BAG-Konzept von Ministerien in NRW, Niedersachsen und Baden-Württemberg empfohlen wird!

In diesem Zusammenhang wurden auch die 1994 in der Nürnberger Innenstadt aufgestellten Taubenhäuser erwähnt, die von den Vögeln nicht angenommen wurden. Diese Häuser waren jedoch, wie Herr Schrollinger ausführte, völlig falsch konzipiert. 

Auch weitere frühere, nicht konkret beschriebene Versuche seien erfolglos verlaufen. Die in den 90er Jahren gestartete Suche nach geeigneten Standorten für Taubenschläge sei schwierig gewesen.

 

Anmerkung: Von früheren konkreten Versuchen ist uns nichts bekannt.

Es gibt in der Nürnberger Altstadt etliche geeignete Standorte. Die angesprochene Standortsuche fand 1996 zusammen mit dem Hochbauamt statt, dabei wurde z.B. der sog. Bürgermeisterturm in der Stadtmauer bei der Burg in Betracht gezogen. Trotz der positiven Haltung des Amtes wurde der Antrag für ein Taubenprojekt 1997 vom Stadtrat abgelehnt. Dass auch zum „Baseler Modell“ von Haag-Wackernagel betreute Taubenschläge gehören, wurde nicht erwähnt.

In Augsburg gibt es mittlerweile 14 Schläge, aus denen jährlich 6000 bis 7000 Eier entnommen und gegen Gipseier ausgetauscht werden. Der Erfolg – weniger Tauben, weniger Verschmutzung – ist im Stadtbild deutlich zu sehen!

 

 

Argument: Die Umsetzung scheitert an fehlender ehrenamtlicher Struktur

 

Bezugnehmend auf frühere Versuche unseres Vereins von 1996 -2002, das Stadttaubenkonzept zu etablieren, hob Umweltreferent Pluschke das Fehlen einer ehrenamtlichen Struktur hervor, das zum Scheitern geführt hätte. Auch heute seien nicht genügend ehrenamtliche Betreuer vorhanden. Er lehnte eine organisatorische und finanzielle Übernahme durch die Stadt ab, einer eigenverantwortlichen  Realisierung durch Tierschutzvereine würde man jedoch nicht entgegenstehen. Dazu gab es breite Zustimmung.

 

Anmerkung: Die früheren Versuche sind nicht an mangelnder Verlässlichkeit unseres Vereins, sondern an den politischen Entscheidungsträgern gescheitert, die alle entsprechenden Anträge im Stadtrat abgelehnt haben. Zwei andere Vereine zogen allerdings ihre zunächst zugesagte Beteiligung zurück. Auch zukünftig ist der Tierschutzverein Nürnberg lediglich  zu einer geringen finanziellen Unterstützung bereit, wie dessen Vorsitzender und CSU-Stadtrat mitteilte. Wir haben immer betont, dass nicht unsere Ehrenamtlichen allein langfristig die Betreuung sichern könnten, sondern dass dazu ein großer Verein mit fest angestellten Kräften wie der Tierschutzverein Nürnberg mit im Boot sein müsste. Ein Engagement der Kommunen ist darüber hinaus unverzichtbar.

 

 

Argument: Ein flächendeckendes Taubenprojekt ist nicht finanzierbar

 

In der gesamten Diskussion geisterte die Zahl von 20.000 Tauben in Nürnberg herum. Bei dieser Zahl handelt es sich um eine Schätzung, deren Zustandekommen nicht erklärt und nicht hinterfragt wurde. Ausgehend vom „Augsburger Modell“, bei dem ca. 2000 Tauben in 12(aktuell 14 Schlägen) betreut werden, stand die Zahl von 120 notwendigen Schlägen in Nürnberg im Raum, die weder zu finanzieren noch zu betreuen seien. Herr Schrollinger schlug deshalb zunächst ein Pilotprojekt vor.

 

Anmerkung: Wie sich bei der Bestandsermittlung in anderen Städten gezeigt hat, liegt die tatsächliche Zahl der Tauben in der Regel weit unter der ursprünglich geschätzten, zumeist sind es nur 10%. Um eigene Erfahrungen zu sammeln, wäre es ohnehin sinnvoll, ein Pilotprojekt zu starten. 

 

 

Vorschläge und Ideen:

 

Es wurde eine Reihe von alternativen Vorschlägen gemacht, um der Taubenpopulation, die zu Beginn der Sitzung als nicht problematisch bezeichnet worden war, Herr zu werden:

 

         Ø        Verstärkte Aufklärung der BürgerInnen über das Fütterungsverbot

         Ø        Intensivere Bekämpfung von Verstößen gegen das Verbot zumeist durch „ältere Damen mit 

               Wägele, die säckeweise Weizen ausschütten“ (Detailkenntnisse wurden nicht erläutert)

         Ø        Frühzeitiges Ausräumen von Nestern

         Ø        Förderung der Population von natürlichen Feinden wie Turmfalken

 

Gewaltsame Maßnahmen, insbesondere Tötungen, wurden abgelehnt und führen erfahrungsgemäß nicht zur gewünschten Reduzierung des Taubenbestandes.

 

Anmerkung: Der Entzug von ausreichender und artgerechter Nahrung ist auch eine Form von Gewalt.

 

 

Herr Schrollinger plädierte am Schluss noch einmal dafür, die vorherrschende ablehnende Haltung zu überdenken und für einen Modellversuch zu stimmen. Sein Antrag wurde von allen Fraktionen mit großer Mehrheit abgelehnt.

Hinter dem Taubenkonzept unseres Bundesverbandes steht der Gedanke, die Tauben in unseren Städten nicht als Feinde, sondern als Mitbewohner anzusehen und mit einem tierschutzkonformen Konzept für ein friedliches Miteinander von Menschen und Tieren zu sorgen. Leider war es auch diesmal nicht möglich, unsere Volksvertreter dafür zu gewinnen.  

 

Zwei Links für alle, die sich näher mit dem Thema befassen möchten:

 

Das Konzept der BAG Stadttauben:

https://www.oedp.de/fileadmin/user_upload/01-instanzen/04205/Stadttaubenkonzept.pdf

 

Eine interessante Gegenüberstellung des Konzeptes von Haag-Wackernagel und der auch von Menschen für Tierrechte vertretenen Vorgehensweise:

 http://www.freitag.de/autoren/cyberling/unschuldige-ratten-der-lufte