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Der Tiergarten – Arche Noah oder Tiergefängnis?

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Wenn Sie einen Zoo besuchen, möchten Sie dort schöne, interessante Stunden verbringen und vor allem Tieren begegnen. Das wollen wir Ihnen nicht verderben, bitten Sie aber darum, genauer hinzusehen und auch kritische Gedanken zuzulassen.
Mit den nachfolgenden Punkten möchten wir Sie auf problematische Aspekte der Zootierhaltung aufmerksam machen.


1. Das Leben im Zoo – bequem und sicher?

Zootiere sind von wenigen Ausnahmen abgesehen Wildtiere, die sich im Laufe der Evolution perfekt an ihre natürlichen Lebensbedingungen angepasst haben. Sie sind mit Sinnesorganen und Verhaltensweisen ausgestattet, die es ihnen ermöglichen, sich Nahrung zu beschaffen und auf Anforderungen, Gefahren und Stresssituationen angemessen zu reagieren. Arttypisches Bewegungsverhalten, ausgiebiger Gebrauch der hochspezialisierten Sinnesorgane sowie gegebenenfalls Formen des sozialen Zusammenlebens und der Kommunikation entsprechen folglich angeborenen Grundbedürfnissen der jeweiligen Tierart.

Im Zoo fallen die meisten natürlichen Reize und Anforderungen weg. Die Tiere müssen sich nicht um die tägliche Nahrungsbeschaffung kümmern und sind keinen Gefahren durch andere Tiere oder wechselnden Umwelteinflüssen ausgesetzt. Die Größe und Struktur ihres Lebensraums, Tagesablauf, Futterbeschaffenheit, Fütterungszeit, Zusammensetzung der Gruppe, Paarungspartner u.v.m. werden stattdessen vom Menschen festgelegt.
Dieses fremdbestimmte Leben in einer weitgehend gleichbleibenden und künstlichen Umgebung führt bei vielen Zootieren zu geistiger und körperlicher Verarmung. Sie können ihre über Jahrtausende der Evolution ausgebildeten Fähigkeiten und Bedürfnisse nicht einfach abstellen!


2. Worunter leiden Zootiere?

2.1. Räumliche Enge und Reizarmut

Der Tiergarten Nürnberg beheimatet ca. 290 Tierarten. Etliche Tiere werden in kleinen und unzureichend strukturierten Gehegen gehalten. Darunter leiden insbesondere Tiere mit großem Bewegungsdrang, den sie in ihren großen ursprünglichen Habitaten entwickelt haben.

Einige Beispiele:

  • Eisbären verbringen je nach Jahreszeit bis zu 94% des Tages mit der Nahrungssuche und legen dabei weite Strecken zurück.
  • Delfine schwimmen täglich 50 bis 150 Kilometer weit.
  • Geparden beschleunigen in 3 Sekunden von 0 auf 100 bis zu 120km/h
  • Greifvögel, z. B. der Anden-Kondor mit einer Flügelspanne von über 3 m ist ein ausdauernder Segler

In den engen Gehegen können Konflikte zwischen den Tieren eskalieren und zu Dauerstress und schweren Verletzungen führen. Sie können sich nicht wie im natürlichen Lebensraum ausweichen oder abwandern.
Bitte schauen Sie sich einmal Volieren und Gehege unter diesen Gesichtspunkten an!

2.2. Olfaktorischer Stress

Säugetiere sind „Nasentiere“, die sich stark über ihren Geruchssinn orientieren. Die Nähe und der Geruch vieler anderer Tiere (und Menschen) können zu ständiger Verunsicherung und Dauerstress führen.
Beispiel Eisbären: Für Eisbärenmütter mit Jungtieren stellt die Nähe eines männlichen Tieres Lebensgefahr für ihre Kinder dar. In der Natur dulden sie diese Nähe deshalb nicht – im Zoo ist sie meist erzwungener Alltag.

2.3. Klimatischer Stress

Nicht alle Tiere aus anderen Klimazonen können sich den hiesigen Bedingungen anpassen. Eisbären können sich sogar in der Arktis in den Sommermonaten überhitzen – wie sehr müssen sie dann unter den bei uns üblichen Temperaturen leiden! Eisbärin „Flocke“ wurde in einen lauten Freizeitpark im warmen Südfrankreich abgegeben.

2.4. Woran erkennt man, dass Tiere leiden?

Es gibt Verhaltensauffälligkeiten, die Sie auch im Tiergarten Nürnberg beobachten können:
Apathie, starke Bewegungsarmut aufgrund von Interesselosigkeit an der Umwelt
Stereotypes Bewegungsverhalten: Sich ständig und monoton wiederholende Bewegungsmuster ohne Bezug zur Umwelt wie z.B. eintöniges im Kreis oder Hin- und Herlaufen, Schaukelbewegungen, Kopfwerfen an immer der gleichen Stelle

 

3. Bildung und Aufklärung?

Zoos verstehen sich als Bildungsstätten, werden diesem Anspruch aber nicht gerecht: Das Wildtier im Zoo sieht nur noch so aus wie sein freilebender Artgenosse. Das Tier im Zoo ist ein aus seinem Zusammenhang gerissenes Fragment, das fast nichts aussagt über die natürliche Lebensweise der betreffenden Tierart oder deren Stellung und Funktion in ihrem natürlichen Lebensraum.

Zoos machen Tiere beliebig konsumierbar. Vor allem Kinder lernen so, dass es in Ordnung ist, große Raubtiere, Waltiere oder Greifvögel in viel zu kleinen Gehegen, Becken oder Volieren einzusperren, ohne ausreichend auf deren angeborene Bedürfnisse einzugehen. Ein Bewusstsein für die Bedeutung der Ökosysteme und ihrer Bedrohung durch den Menschen sowie Respekt vor unseren Mitgeschöpfen, den Tieren, können auf diese Weise nicht vermittelt werden!

 

4. Zootierhaltung als Beitrag zum Artenschutz?

Viele der in Zoos gehaltenen Tierarten sind in der Natur nicht bedroht und bedürfen daher keiner Artenschutzprogramme. Nur eine verschwindend kleine Anzahl von Tieren sehr weniger Arten wird ausgewildert. Gründe dafür sind u.a. geistige und genetische Verarmung oder zerstörte Lebensräume. Viele der in Gefangenschaft geborenen Tiere können gar nicht oder nur nach aufwendigen und langwierigen Trainingsprogrammen in der Wildbahn angesiedelt werden, weil sie von ihren Müttern nie gelernt haben, sich dort zurecht zu finden.

Wollte man einen wirklich konstruktiven Beitrag zum Arten- und Naturschutz leisten, würde man nicht Millionenbeträge in vollkommen unzureichende Anlagen investieren wie z.B. in die „DelfinLagune“ im Tiergarten Nürnberg, sondern diese Gelder für umfassende Aufklärung und die Erhaltung noch vorhandener Lebensräume einsetzen!

 

Fachliche Beratung: Dr. rer. nat. Christian M. Hammer, Zoologe, Nürnberg